XC - Mindset

So gelingt der Einstieg ins Streckenfliegen

Das Erlebnis des ersten Abhebens mit dem Gleitschirm ist grandios. Es ist ein sinnlicher, mit Zahlen nicht messbarer Eindruck. Man erlebt die Welt – und sich selbst – in der Luft anders als am Boden stehend und lässt beides ein Stück weit am Boden zurück.

In der Gleitschirmszene beginnen jedoch dann, manchmal schon während der Ausbildung, ziemlich schnell Zahlen die Gespräche zu dominieren: Höhe, Länge und vor allem Kilometer. Ein Flug gilt erst als erfolgreich, wenn er auf XContest hochgeladen ist und eine ansprechende Punktezahl bringt. Kilometer werden zu Meilensteinen, XContest-Punkte zu Beweisen, und das Teilen auf Social Media zur Bestätigung. Der Flug ist nicht länger etwas Fliessendes, sondern etwas, das aufgezeichnet, gemessen und geteilt werden muss. Das entspricht dem Zeitgeist und ist auf Social Media auch deutlich einfacher zu vermitteln als die eigenen inneren Erfahrungen und Emotionen während des Fluges.

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Kilometer vs. Erfahrung

Von den ersten kurzen Schulungsflügen bis hin zur persönlichen Bestleistung fliegen zu können, ist ein sehr spannender Weg. In unseren Augen geschieht dieser jedoch meist nicht bewusst gewählt und viel zu früh. Das Umfeld, die gesamte Gleitschirmszene, fördert dieses wettbewerbsorientierte Denken. Webseiten, Influencer, Kolleg:innen und nicht zuletzt der Verband mit der Swissleague nähren und verstärken die Sehnsucht nach Bestleistung. Sowohl beim Streckenfliegen wie beim Hike `n Fly.

Und schon jagen Pilot:innen, die sich eigentlich noch auf ihre Startskills, ihre Meteorologie-Erfahrungen und das klare Denken in bewegter Luft konzentrieren müssten, den ersten 50 oder 100 Kilometern im hochalpinen Wallis hinterher. Und das unter Bedingungen, die Jahr für Jahr anspruchsvoller und stärker werden und selbst langjährige Profis mitunter herausfordern. In diesem Kontext wird das Fliegen zu einem immer gefährlicheren Erlebnis. 

Die Zahl wird zum Ziel, statt dass die aufbauende Erfahrung das Ziel ist und die Zahl lediglich das natürliche Resultat. Dieser Unterschied ist fein, aber tiefgreifend. In kurzer Zeit lassen sich keine jahrelangen Erfahrungen aufbauen, keine selbst erlebten Abgleichwerte entwickeln, die in unserem Sport mitunter über Leben und Tod entscheiden können.

Motorisch und mental „parate“ Pilot:innen machen am Anfang oft extrem schnell Fortschritte. Moderne Schirme und elektronische Hilfsmittel machen die ersten weiten Flüge am XC-Himmel immer einfacher. Dabei wird jedoch ein Aspekt des langen und weiten Fliegens vergessen: der Neurologische. Es sind nicht nur motorische Fähigkeiten, Schirmhandling und elektronische Hilfsmittel, die uns lange und entspannt fliegen lassen. Es ist vor allem unser Nervensystem, das erst langsam lernen muss, die intensive Erfahrung des Fliegens im ungewohnten Element über Stunden hinweg entspannt erleben zu können.

Gerade am Anfang gerät man immer wieder in unangenehme Situationen. Es fehlen noch die oben genannten Erfahrungen, um Fehler zu vermeiden. Wer hier zu viel pusht, dessen Nervensystem „überhitzt“. Es wird nicht das schöne Erlebnis abgespeichert, sondern die permanent leicht angespannte Erfahrung. Statt entspannte Ausdauer aufzubauen, verkrampft man. Der Körper erinnert sich von Flug zu Flug an den Stress, und man findet nicht mehr in den Flow früherer Flüge zurück.

Lernen ist ein biologischer Prozess. Kein rein mentaler, schon gar kein fakten- oder zahlenbasierter Prozess. Er gelingt am besten mit Zeit, Entspannung und einer guten Mischung aus kurzen Herausforderungen und langen Ruhephasen. Wenn während dem Flug die Ruhephasen fehlen, dann wird der Flug zu etwas Bedrohlichem: Man „erträgt“ es, statt es spielerisch zu erkunden.

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Mut und Burnout

Wir sehen das fast täglich. Ehemalige Schüler:innen, die vorsichtig sind, langsam vorankommen und lange ihren vermeintlich „langweiligen“ Schulschirm fliegen, überholen nach ein paar Jahren plötzlich ihre mutigeren und ambitionierteren Kolleg:innen und fliegen auf einem neuen, deutlich höheren und lustvollerem Niveau davon. Und nicht selten verschwinden die ehrgeizigen Pilot:innen ganz einfach vom Himmel. Still und leise suchen sie sich neue Herausforderungen, verlieren das Interesse oder die Freude am Fliegen. Und erkennen oft nicht, dass dieser Verlust hausgemacht ist. Eine Art Burnout, weil der auf Zahlen und Punkte reduzierte Vergleich mit den Erfahrungen anderer kein langfristig erfüllendes Erlebnis ist.

Wir möchten hier keinesfalls vom Streckenfliegen abraten. Ein Flug mit einem klaren, in Kilometern messbaren Ziel ist sehr befriedigend und eine wertvolle Bestätigung des eigenen Könnens. Vielmehr möchten wir die Entwicklung von einem unglaublich einzigartigen Erlebnis hin zu einer von Zahlen und Vergleichen dominierten Szene hinterfragen.

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Demut und weniger ist mehr

Unser Mindset beim Streckenfliegen sollte die Suche nach Erfahrung sein: das Erleben, das Entdecken, das Spielerische und die Freude am Ganzen. Wenn man sich dabei auf sich selbst besinnt und sich Zeit lässt, kommen die Zahlen von ganz alleine. Sie sind dann nicht das Ziel, sondern die Bestätigung des Könnens, ein himmelweiter Unterschied.

Zudem möchten wir dir das Mindset des „80 % des Möglichen“ ans Herz legen. Gerade in den ersten fünf Jahren lohnt es sich, ruhigere Tage, weniger frequentierte Orte und einfachere Routen zu wählen. Wer im entspannten Bereich fliegt, hat Kapazität zu lernen, das Gelernte zu verinnerlichen und wird, ohne es zu erzwingen, automatisch immer besser und sicherer. 

Dieser Ansatz erfordert Geduld und Demut. Er ist unspektakulär und nicht unbedingt Socialmedia oder XContest tauglich. Dafür ist er für die allermeisten von uns ungleich befriedigender als das Hinterherjagen weniger Aushängeschilder der Szene, die man, seien wir ehrlich, selbst kaum je einholen wird.

Hier unsere Abschliessende Frage an Dich: Hast Du Kilometer, Leistung und Ziele im Vordergrund Deiner Fluggedanken und -Wünsche oder sind es eindrückliche Momente in der Luft hoch über den Bergen und sichere Landungen nach einem Flug in den Sonnenuntergang?

In diesem Sinne wünschen wir dir entspannte und schöne Flüge in der neuen Saison.